Föstôlfur

ove2

Im Stamm der Waldläufer kam ich vor 40 Monden im Süden des heutigen Deutschlands auf die Welt. Man gab mir den Namen Föstôlfur was so viel heißt wie „der zuverlässige Wolf“. Meine Kindheit verbrachte ich nicht lange in den schützenden Armen meiner Eltern. Früh musste ich lernen ohne einen Vater zu leben. Dieser war ein Mann der See und diese behielt ihn für sich. So lag es an Mutter mich zu lehren was es lernen galt – die Natur zu lieben, mit ihr zu leben und sich die Elemente zunutze zu machen – und zu schätzen. Ich begab mich auf den Pfad der Waldläufer.

Doch das friedliche Leben das ich im Kreise des Dorfes und meiner Familie genießen durfte, sollte nicht lange anhalten. Mutter verließ mich nach nur 14 Monden während die ersten Glaubenskriege im Gange waren. So blieb mir keine andere Wahl als die friedlichen Absichten eines Waldläufers zu verdrängen und die Kunst des Krieges und des Kampfes zu erlernen. Krieg beherrschte das Land und zerriss viele Familien. Die einen starben stolz im Kampf, andere liefen so schnell wie es die Beine eines Waldläufers zuließen.

Da mir keine andere Wahl blieb kämpfte ich mit List und dem Mut der Verzweiflung um mein Überleben. Leider bedeutete dies, dass ich meinen geliebten Wald für immer verlassen musste und meiner Heimat den Rücken kehrte.

Welche Richtung sollte ich nehmen?

Eines Nachts, als ich die Sterne betrachtete kam mir die Eingebung, den Spuren meines Vaters zu folgen. Dieser zog gen Norden um dort auf Schiffen anzuheuern. So war meine Entscheidung getroffen.

Viele Jahre der Wanderschaft vergingen, viele Kämpfe wurden ausgefochten. Prachtvolle Orte lernte ich kennen doch weder die Schönheit der Frauen noch die trügerische Sicherheit konnten mich dort halten.

Der Krieg legte keine Rast ein und zwang mich mehr und mehr zur Veränderung. Vom einstigen Waldläufer war nicht mehr viel übrig geblieben, ich wurde ein Krieger. Trotz meiner Entscheidung, allein zu bleiben hatten die Götter wohl einen anderen Plan für mich.

So lenkte das Schicksal mich in Richtung Haithabu. Auch diese Stadt war vom Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen. Viele Häuser lagen in Trümmern. Die, die noch am Leben waren sorgten sich um die Verletzten. Geschockt und fast gelähmt von den Erinnerungen die mich überfielen beschloss ich, mich erstmal umzusehen. Ich entdeckte die zerstörte Schenke, hierher hatte mein Vater mir so manches mal eine Geschichte mit nach Hause gebracht. All das zu sehen warf Fragen in mir auf. War hier mein Vater das letzte mal lebend an Land gesehen worden? Kannte einer der Überlebenden ihn vielleicht noch? Wusste jemand, wie er genau umgekommen war?

Doch bevor ich mich weiter mit meinen Gedanken beschäftigen konnte, erblickte ich eine Gruppe von schwer bewaffneten Männern die auf dem Markt für viel Aufsehen sorgte. Sie feierten sich und prahlten mit den Schätzen, die sie durch die Zerstörung der Stadt ihr Eigen nannten. Ich schlich mich an um mehr heraus zu finden. Meine Wut über all das Elend dass ich sah ließ sich fast nicht mehr im Zaum halten. Als ich endlich näher an der Gruppe stand, unentdeckt zwischen den Trümmern eines imposanten Handelshauses, erkannte ich die Rüstung der Männer und auch ihren Anführer. Just in diesem Moment war es um mich geschehen, ich konnte, nein ich wollte mich nicht mehr zurück halten und stürmte mit meinen Waffen auf die Gruppe zu. Diese Männer, vor allem der Hauptmann der von den normalen Soldaten umringt war, waren dafür verantwortlich dass mein Heimatdorf niedergebrannt wurde! Dafür sollten sie sterben! Es war Irrsinn, sich allein gegen die 12-15 Männer zu stellen, das wusste ich, doch ich wollte nur noch eines – Rache!

Ich nutze den Überraschungsmoment und metzelte zwei seiner Beschützer nieder. Als ich mich zum nächsten umdrehte sah ich aus dem Augenwinkel eine kleine Horde Männer die mit Äxten und Schwertern bewaffnet wohl das gleiche Ziel verfolgten.

Die Gefolgschaft werte sich mit allen Kräften und ich mitten drin. Der Kampf war wild und hart. So manche Hiebe landeten daneben, andere trafen. Ich weiß nicht genau wie es dazu kam aber die Männer mit den Äxten griffen mich nicht an und ich sie nicht. Im Gegenteil, wir hielten uns den Rücken frei. Als ich sah, das neben mir einer der dazu gestoßenen Männern auf dem Rücken lag, unbewaffnet und eine Klinge an seinem Hals hatte, entschied ich mich, einzugreifen. Ich rammte dem Angreifer meinen Dolch in die Seite so dass dieser vor Schmerz schreiend zusammen brach.

Dieser kleine Moment der Unachtsamkeit hatte für mich schwere Folgen. Ich spürte einen Stich, einen unermesslichen Schmerz und die Welt um mich herum wurde dunkel

Als ich wieder zu mir kam, benommen und von Schmerzen fast gelähmt, merkte ich wie alles um mich herum schwankte. Im ersten Moment schob ich es auf meine Gesundheit, da dies die einzig logische Erklärung war. Langsam öffnete ich die Augen und blinzelte. Der Raum in dem ich mich befand war mit Kerzenschein leicht erhellt worden. Als ich an mir runter sah stellte ich fest, dass mir die Kleider und auch die Waffen abgenommen waren. Verbände zierten meinen geschundenen Körper. Ich versuchte, meinen Kopf zu drehen um festzustellen wo ich mich befand.

Neben mir war ein kleiner Tisch auf dem sich allerlei Kräuter, Bandagen und Salben befanden. Daneben saß eine Frau, die mich freundlich anlächelte und mich Willkommen an Bord hieß. Nachdem ich dankend einen Schluck Wasser getrunken hatte holte sie Ihren Jarl – so nannte sie ihren Anführer. Der erklärte mir, dass die Schlacht in Haithabu gewonnen war. Da man mich aber nicht dort zurück lassen wollte, die Menschen hatten dort schon genug mit ihren eigenen Verletzten zu tun und ich zudem anscheinend das Leben eines Mannes gerettet hatte, der zu seinem Clan gehörte, hatte man beschlossen, mich mitzunehmen. Iduna, so hieß es, gehörte zu den besten Heilerinnen und die Chancen standen nicht schlecht, dass sie es schaffen würde, mich wieder auf die Beine zu bringen.

Viele Tage und Wochen vergingen und ich wurde von Tag zu Tag stärker und kräftiger. Mit der Zeit lernte ich die komplette Besatzung des Schiffes kennen. „Blendingur“ nannten sie sich und sie bestanden aus Menschen unterschiedlichster Herkunft. Wikinger, Krieger, Barden, Schneider und eben der Völva und ihrem Sohn.

Nachdem ich wieder vollständig genesen war konnte ich auch endlich am Leben des Clans mit teilnehmen. Ich wurde ein Teil von Ihnen, Freundschaften bauten sich auf und mit der Zeit nahm ich immer mehr ihrer Tugenden an. Ich zog gemeinsam mit ihnen auf Viking, lernte das Handeln und wusste schnell, wie man die Segel zu führen hatte.

Eines Nachts, nach einem langen und ausführlichen Gespräch mit Iduna, die mir viel von den Göttern und Lehren der Nordmänner erzählte überkam mich ein Gefühl, dass ich lange nicht mehr hatte. Hier ist meine Heimat, hier gehöre ich hin, dieses Leben wollte ich Leben.