Smilla Krístoffsdóttir

Noch lange war mein Weg nicht erkennbar, als mein Vater mich in meinem 8. Sommer verließ. Er war bereits ein alter Mann gewesen, in seinen jungen Jahren ein stolzer Krieger, ein Handwerker in seinen späteren. Seine Gefährtin im Kampf und im Leben, meine Mutter, wurde ein Schatten ihrer selbst nach seinem Tod. All die Jahre einer angenehmen Kindheit waren vorbei.

Meine Mutter war der festen Überzeugung, nur für unser Überleben sorgen zu können, wenn sie sich einem einflussreichen Mann hingab. Dies war unserem Jarl nur recht, da er  gerade seine zweite Frau im Kindsbett verloren hatte. Doch er war kein guter Mann, sondern erfüllt von Habgier und Eifersucht. Meine Mutter hatte das Beste für mich tun wollen, doch stattdessen erlebte ich eine Kindheit voller Gewalt und Zwang. Doch die Männer des Jarl teilten die grausamen Vorlieben ihres Herren nicht und halfen, mich im Kampfe zu schulen und auf alles vorbereitet zu sein. Axt und Schild meiner Mutter waren nun mein. Doch mein Stiefvater war ein mit Zorn erfüllter Mann und im 18. Winter meines Lebens erschlug er meine Mutter in einem Wutanfall. Ich wusste, er würde seine Unberechenbarkeit nun auf mich konzentrieren.

Das Einzige, was mich in diesem Leben gehalten hatte, war verschwunden und ich traf eine Entscheidung. Die Welt, das Leben und die Götter mussten mehr für mich bereithalten als dieses Elend. So packte ich noch in derselben Nacht meine Sachen zusammen und brach auf ins Ungewisse. Ein Mann namens Naddoddur hatte vor ein paar Wochen in unserem Hafen angelegt, um Männer für eine Siedlung auf neuem Land, den Føroyar-Inseln zu gewinnen. Sie wollten noch am gleichen Tage die Segel setzen.

Die Götter schienen meinen Willen auf die Probe stellen zu wollen. Sie schickten hohe Fluten und Thor ließ seine Stürme auf unser Schiff niederprasseln. Es war wie ein Wunder, als ich irgendwann Land erblickte. Doch als ich in Naddoddurs Gesicht sah, sah ich keine Erleichterung, sondern höchstes Erstaunen. Er erklärte mir, dass wir vom Weg abgekommen sein mussten. Eine schneebedeckte Landschaft tauchte vor uns auf, eisig wie ihr späterer Name- Island.

Ein deutlicheres Zeichen konnten mir die Götter gar nicht schicken. Mein Ziel lag nicht auf den Føroyar-Inseln. Die Götter hatten mich so weit weg von zu Hause geführt, damit ich endlich zu mir selbst fand, mit meinem alten Leben abschließen, und gar nicht weit von dort ein neues anfangen konnte. Ich erklärte Naddoddur meine lage, er lächelte und sprach: „Ich habe vor langer Zeit mit deinem Vater in der Schlacht gekämpft, du bist ihm sehr ähnlich. Du solltest seinen Namen mit Stolz tragen, Smilla Krístoffsdóttir.“ Er willigte ein, mich mit einem seiner Schiffe direkt nach Norwegen zurück segeln zu lassen. Einige Fischer hatten Zweifel bekommen, was ihr neues Leben anging und wollten ebenfalls zurück,auch wenn die Strecke weit, und seine Männer allein sehr unerfahren waren. Auch wenn ich kein großes Vertrauen in ihre Fähigkeiten setzte, ich hatte nichts zu verlieren. Ich würde entweder in den Fluten sterben oder in meinem Geburtsland ein neues Leben beginnen.

Nach Wochen voller Sturm, Salz in den Augen und Einsamkeit zwischen Fremden gingen wir schließlich in Kristiansund an Land. Die Fischer würden hier ihr Leben gut führen können, nicht weit von ihrer ursprünglichen Heimat, doch mir widerstrebte der Gedanke, dort zu bleiben, wo ich an Land gegangen war.

Ich wanderte anfangs ohne Ziel durch die Wälder südlich von Kristianssund, machte ab und zu Rast, mal für einen Tag, mal für mehrere Nächte. Bei den längeren Rasten ging ich jagen, oder stellte Fallen auf.

Ich hatte an einem kalten Tag meines 19. Winters gerade meine letzten Fallen geleert, als mir klar wurde, dass ich an diesem Tag das Weitergehen keinen Sinn hatte, da man durch den dichten Schneefall keine hundert Meter weit schauen konnte. Plötzlich sah ich den warmen Schein eines Feuers. Als ich näher kam, erblickte ich einen jungen Mann. Er lud mich ein, die Wärme seines Feuers zu genießen, woraufhin ich mit ihm das Fleisch meiner gefangenen Kaninchen teilte. Ich erlebte einen angenehmen ruhigen Abend trotz des Wetters.
Am nächsten Tag verabschiedeten wir uns. Der Abend hatte mich nachdenklich gemacht. Dieses Gefühl, dass ich während der Unterhaltung mit dem Wandersmann gespürt hatte, wollte ich wieder haben: Geborgenheit und Vertrautheit. Ich musste endlich zur Ruhe kommen und einen Ort finden, an dem ich bleiben wollte.

Die Erinnerung an meine Mutter leitete mich und ich dachte viel an meine Kindheit in Trondheim. Vielleicht wäre es eine gute Idee, erst einmal dorthin zu gehen, mein Stiefvater war schon damals ein alter Mann gewesen, der sein Dasein nun hoffentlich weit weg von Midgard und Valhall fristete. Wenn es mir in Trondheim nicht gefiel, konnte ich immer noch weiter suchen, zumal es nicht allzu weit von Kristiansund entfernt lag.

Meine Entscheidung war gut. Die aufstrebende Handelsstadt lockte viele interessante Menschen herbei. Ich baute mir eine Hütte am Rande der Siedlung, knüpfte Kontakte und fühlte so etwas wie Glück und schlief zum ersten mal seit Jahren wieder ruhig.
Und dann brachten die Götter ein besonderes Schiff in den Hafen Trondheims. Sieben Gefährten waren einem Sturm ausgewichen und hatten beschlossen, ihr Glück und die Götter bei einem Krug Met mit allen zu feiern, die ihnen zugetan waren. Aus Neugierde gesellte ich mich dazu. Ich ließ mich gerade von Iduna zu einem Horn gefüllt mit bestem Met überreden, als eine Stimme an mein Ohr drang. Der Mann, zu dem sie gehörte, erzählte gerade eine Geschichte seiner Reisen, während die Männer und Frauen um ihn herum gebannt lauschten. Ich lächelte in mich hinein und setze mich. Als er geendet hatte, sah er sich in der Runde um, dann stockte sein Blick. So sahen Baldr und ich uns zum zweiten Male.

Der Bund des Nordens war eine beeindruckende Gruppe. Meine Pläne, sesshaft zu werden waren vergessen. Mit diesen Menschen war alles möglich. Ich brach meine Zelte in Trondheim ab und fand im Herumreisen mit ihnen mehr Heimat als jemals zuvor. Baldr und ich standen uns bald sehr nah, und auch die anderen waren meine Familie geworden.

Glaubt Ihr an das Schicksal? Daran, dass euer Weg vorher bestimmt ist? Ich tue es, denn meine bisherige Geschichte lässt für mich keinen anderen Schluss zu, als dass die Götter über mich wachen und einen Plan für mich haben. All das Leid, die Gewalt, das Chaos, das ich überstand, führten mich letztendlich hierher, zum Bund des Nordens, zu meinem Gefährten und meinen Brüdern und Schwestern. Ich bin in froher Erwartung auf die nächsten Abenteuer, die wir zusammen bestreiten werden.